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Pforzheimer Zeitung

Montag, 2. November 2015

Andere Herrscher regieren vom Throne aus. Aber Poppeas Thron ist das Bett. Von dort aus herrscht sie – und ihre Macht ist die Verführung. Denn wegen Poppea, seiner Geliebten, stürzt der römische Kaiser Nero sein Reich ins Chaos. Er lässt alte Freunde ermorden, verstößt die Getreuen, vertreibt seine Gattin – und krönt am Ende Poppea zur Neuen. Diese „Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi lebt von der explosiven Handlung. Das Theater Pforzheim hat sie sich für seine zweite Opernpremiere ausgesucht – und damit einen faszinierenden Theaterabend auf die Beine gestellt. (...)

Dass der Abend trotzdem zum Erfolg wird, ist der Inszenierung Alexander Mays zu verdanken, auch der beeindruckenden Sicherheit des Gesangensembles – und einer ausgefeilten Kostümsprache, die die Sinnenwelt der antiken Handlung aufs Schlüssigste in ein Kleidungskonzept übersetzt. Denn gerade im Verbund mit Mays Personenregie entwickelt sich durch Kostüm und Bühne (David Gonter) eine farbige Üppigkeit, die die Handlung schon für sich zum Leben erweckt. Die Sphäre des antiken Kaisertums haben May und Gonter lose mit der Glitzerwelt neuzeitlicher Stars und Sternchen parallelisiert. Da wirft Poppea (Anna-Maria Kalesidis) im Monroe-Dress schon mal selbst die Windmaschine an – das Kleid muss schließlich recht verführerisch fliegen. Ottavia (Danielle Rohr) – die betrogene Gattin – gibt den bonbon-bunten Paris-Hilton-Verschnitt und führt einen quicklebendigen Schoßhund als komödiantischen Höhepunkt mit sich. Generell ist Mays Inszenierung voller Humor – ehrliches Lachen erfüllt immer wieder das leider nur mäßig besetzte große Haus. Besonders das Ende des ersten Aktes – Senecas Lakaien-Schüler wollen den Meister vom Selbstmord abbringen – markiert einen Höhepunkt des Zusammenspiels von Musik, Schauspiel und Kostüm. Voller Faszination hängen die im rot-beigen College-Stil gekleideten Philosophie-Nerds an den Lippen des kiffend-abgeklärten Meisters – und können trotz ihres hysterischen „Neins“ den alten Moralapostel nicht in der Welt halten. Er schlitzt sich den Hals auf und macht den Weg frei für die Verklärung der Poppea. Am Ende hat sie – die Geliebte – den Kaiser ganz für sich, und lässt sich mit ihm zusammen zum Traumpaar krönen. Hier – im berührenden Schlussduett „Pur ti miro“ – wechselt die Sprache – ohne schlüssigen Grund – ins Italienische und Anna-Maria Kalesidis setzt zusammen mit Johannes Strauß als Nero einen ordentlichen Schlusspunkt unter eine insgesamt beachtliche Gesangsleistung des neuen Ensembles.

Besonders stark zeigt sich Natasha Young, die – aus dem Orchestergaben – die Rolle der Drusilla für die erkrankte und nur stumm spielende Franziska Tiedtke singt – mit nur wenigen Stunden Vorbereitung. Originalklang mit historischen Instrumenten ist erklärtermaßen nicht das musikalische Ziel der Badischen Philharmonie unter GMD Markus Huber. Ungewohnt kantig klingt da teilweise die Holzbläsergruppe im Verbund mit den Streichern – und auch das Elektro-Cembalo will mit seinem klirrenden Klang nicht immer passen. Insgesamt aber zeigt das Orchester eine schlüssige, auch funktionierende Deutung der Partitur. Gekonnte Schattierungen des Streicher-Volumens, eine starke Generalbass-Gruppe und auch mancher – legitimerweise hinzugefügter – Effekt wie leis-zwielichtiges Glissando-Rutschen auf den Streicher-Saiten sorgen für einen auch musikalisch gelungenen Abend. Zusammen mit der lebendigen Inszenierung zeigt sich „Die Krönung der Poppea“ als faszinierendes, kurzweiliges Theater-Ereignis.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 2. November 2015

(...) Also die übliche Mischung aus Sex and Crime: die Krönung von Kaiser Neros Geliebter Poppea zur Kaiserin von Rom. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte, der von Gian Francesco Busenello in eine Folge von komischen und tragischen Szenen, von Liebe, Wollust und Ehebruch, vom verordneten Selbstmord Senecas und von Monteverdi durch das erste Liebesduett der Operngeschichte abgesegnet wurde. Seine Rechtfertigung erhält das amoralische Treiben in Rom durch die Göttinnen des Glücks und der Tugend, deren Disput darüber, wer die Herrschaft über die Sterblichen habe, Alexander May in seiner Pforzheimer Inszenierung mit Purzelbaum und Boxhandschuhen austragen lässt.

(...) Von Ausstatter David Gonter zwischen großem Lustbett, Marilyn-Monroe-Anspielung und einer Raumschiff Enterprise-Drehtür revuemäßig aufbereitet, vor allem mit Hinguck-Kostümen aufgerüscht, führt May ein Kaleidoskop schräger Typen vor, inmitten derer die in Vorfreude auf die Verbindung mit Nero auf ihrem Bett hüpfende und im Lauf des Abends auch an stimmlicher Geschmeidigkeit gewinnende Poppea der Anna-Maria Kalesidis die normalste scheint. Aufgeputzt wie eine Dragqueen wird die vernachlässigte Kaiserin Octavia zur komischen Figur; zumindest in ihrem Abschied von Rom gelingt es der Amerikanerin Danielle Rohr mit ihrem gut sitzendem strahlkräftigen Mezzo die Fallhöhe der Figur aufzuzeigen, wobei ihr das possierliche Schoßhündchen fast die Show stiehlt. Seneca, von Aleksandar Stefanoski mit grummelig breitem Bass textunverständlich als Althippie und Guru ausgebreitet, schneidet sich vor seinen drei Vorzugsschülern die Kehle durch. Kluge Selbstkenntnis legen die Autoren der alten Arnalta in den Mund, der Gabriela Zamfirescu alle Tücken und Klugheit der in die höhere Welt aufgestiegenen Amme mitgibt. Poppeas Noch-Gatte ist der liebeswürdige, von Leandro Natalicio mit natürlich fließendem Bariton gesungene Ottone, der bei der schusselig munteren Drussilla, die von der einspringenden Natasha Young vorzüglich aus dem Orchestergraben erklang, besser aufgehoben wäre.

Nero, das Tyrannen-Bürschel, würde neben den Freaks verblassen, könnte Johannes Strauß nicht durch seinen gut geschulten und stilsicheren Tenor auffallen und im italienisch gesungenen „Pur ti miro“-Finalduett mit Kalesidis’ Sopran helle Magie entfalten. Im Licht der Barock-Bewegung mit dem Einsatz von Originalinstrumenten und Countertenören fällt es einer Stadttheater-Aufführung schwer, stilistisch nicht den Anschluss zu verpassen. Mit kleiner Besetzung gelingt Markus Huber, dem ehemaligen Tölzer Sängerknaben mit Harnoncourt-Erfahrung, ein spannungsvolles, historisch informiertes Musizieren, bei dem die Spieler achtsam auf die Situationen reagieren.

berkshirefinearts.com

Freitag, 15. Januar 2016

In the years before opera was officially declared an art form Claudio Monteverdi wrote Coronation of Poppea, Sex, violence, treachery, betrayal and the triumph of a wicked woman are all the meat of 1st century Rome and perfect material for the new musical form. Shakespeare makes this brew work. Monteverdi and his librettist do too.

Alexander May, the director of the production at the State Theatre in Pforzheim, captures the erotic energy, Poppea’s Lady Macbeth-like thrust for power and an Emperor’s attraction to a beautiful woman whose legs are always open.

In the backstory, Nero, was educated by the Stoic, and perhaps cynic Seneca, who probably helped clear Nero’s way to power by arranging the murder of his mother and then bumping off his step brother who also had a claim to the throne.

We hit the story with Fortune and Virtua fluttering behind a scrim. These turn out not to be prime subjects compared to a sweet young Amore descending in her swing and singing delicately that it’s love that makes the world go around. Anyway it makes 1st century Rome titubate.

Amma-Maria Kalesidis unleashes her powers in the preferred battleground, an imperial bed, larger than a King, where she entices the Emperor and launches the plot to become his wife although he already has one.

Johannes Strauss, a tenor, sings the role often taken by counter-tenors. The edge and volume of his voice made Nero a big conquest for the vixen.

May creates Octavia as a camp, over-the-top wife who can’t quite get it together to survive. Danielle Rohr is a lusty mezzo with Raggedy-Ann movements sufficiently contained to remain on stage instead of floating off. She is around long enough to be killed too.

Seneca is rewarded for his loyalty and cunning when Poppea senses that his elimination will clear her path to power. Aleksander Stefanoski practically chokes on a cigar and pleads his case as the rhetorician. Nero’s request that he kill himself is difficult to execute: slashing of wrists and behind the knees does not work. Reports say that Seneca was trying to compose a speech when he dies, mounting the mini-coliseum, cleverly and effectively suggested by revolving mirrors on the top of magisterial steps.

Gabriela Zamfirescuis, Arnalta, the main confidant of Poppea, is not averse to using the bed as the trampoline Nero and Poppea have inaugurated. Hers is a lush contralto, in full control of the dynamics which serve her apt dramatic interpretations.

The cast throughout is invested in the beautiful music and the antic goings on, where death just seems part of the game. Director May is responsible. He also performed because the scheduled singer was ill. May was convincing in his pantomime of Ortho. Of special note was the singer who performed Ortho from the pit. Tenor Cornelius Lewenberg has been heard in churches in Baden Baden and Heidelberg, but we were treated to his extraordinarily even and yet shaped voice struggling with his loss of Poppea.

How do smaller houses solve budget issues? Imaginatively in Pforzheim. The curtain which at first appears to be a rich taffeta, drawn back with ropes, decorated with ribbons and bows is painted on a moveable backdrop. Regal is presented with non-imperial efficiency. The costumes, when they are worn, are delightful. Arnalta looks a bit like a nun in stark black and white, in contrast to the brilliant orange feathers of Octavia. When she ascends with her mistress at the opera’s end, she strips and dresses as the lady-in-waiting of the Empress. This strip is a fun and amusing touch.

The Badische Philharmonie Pforzheim deserves a special call out. The guitar adds charm to the already pleasing score. But the substitute electronic harpsichord held the show together with a brisk, bravura beat.

Poppea is an opera that is being performed more often and deserves to be. It offers many roles to singers and provides a rich and entertaining palette for the audience. Monteverdi is a big success in Germany, rising over its scheming title character, but very much a part of her.