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Pforzheimer Zeitung

Montag, 5. Oktober 2015

Es ist so oft im Leben und auf der Bühne – was leicht aussieht, ist oft unglaublich schwer. Und leichtgemacht hat es sich das neue Team am Stadttheater wahrlich nicht: Nach einer fulminanten „Nabucco“-Premiere mit fast 200 Mitwirkenden, zwei Schauspiel-Premieren nun Bernsteins „West Side Story“ – nur zwei Wochen nach Saisonstart. Und Bernsteins „Mutter aller Musicals“ verlangt allen alles ab. Eine Partitur, die es in sich hat, die nahtlose Verzahnung von Schauspiel, Gesang und Tanz – da muss alles stimmen, da muss Perfektion herrschen, um diese moderne Version von Shakespeares „Romeo und Julia“ zum Leuchten zu bringen. Und ein Teamgeist, der dann auch das herausragende Erlebnis dieser Premiere ist. Da gehen die moderne, schnörkellose Inszenierung von Intendant Thomas Münstermann, das optisch hinreißende Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert und die rasante, körperbetonte Choreografie von Guido Markowitz eine überzeugende Allianz ein. Eine Aufführung aus einem Guss, mit einer durchgängigen Linie, mit schönen Bildern und überraschenden Effekten.

(...) Doch das machen die enorme Spielfreude, der mitreißende Einsatz der Schauspieler, Sänger und Tänzer bei weitem wett. Münstermann setzt auf klare Personenzeichnung, schweißt sein junges Team aus Profis und Laien zu einer Einheit zusammen. Und bietet ein Wechselbad der Gefühle: Da stehen Szenen brutaler Gewalt neben leisen, anrührenden Momenten, da wechseln temperamentvolle Tanzsequenzen mit intimen Augenblicken der Zweisamkeit. Behutsam haben Münstermann, Markowitz und Göpfert das 50er-Jahre-Stück in die Gegenwart verlegt: Zeitgemäß sind Sprache und Tanzstil, ohne aufgesetzt oder peinlich jugendbetont zu wirken.

Das kommt dem jungen Ensemble sichtlich entgegen. Da toben die Jets als Jugendgang über die Bühne – gewaltbereit, vom Leben bereits enttäuscht, auf bessere Zeiten hoffend. Diese Mischung aus Frust, Wut und Enttäuschung bringt gerade Mario Radosin als Action exemplarisch auf die Bühne, während Tobias Bode dem Jets-Anführer Riff manchmal etwas ungelenke Züge und wenig stimmliche Durchschlagskraft verleiht. Von großer Bühnenpräsenz ist Jasaman Roushanaei, die als Jet-Mädchen lieber zu den Raufbolden gehören will. Ausgesprochen schön anzusehen und anzuhören sind die Girls der Gang. Auch ihre Gegenspielerinnen, die Shark-Mädchen, stecken voller Temperament und Leidenschaft. Die Sharks, die Einwanderer, führen den Kampf ums Überleben in der neuen Heimat mit brutaler Gewalt und der Einsicht, dass sie immer die Underdogs bleiben werden. Janko Danailow spielt den Anführer Bernardo mit der nötigen Spur Machismo, dessen zur Schau getragene Männlichkeit allerdings schwer ins Wanken gerät, wenn seine angetraute Anita nach ihm pfeift. Lilian Huynen ist in dieser Rolle nicht nur leidenschaftliche Tänzerin und Sängerin, sondern zeichnet vor allem mit ihrem großen schauspielerischen Vermögen eine vielschichtige Frau.

Doch es sind die gesanglichen Leistungen, die am meisten aufhorchen lassen. Danielle Rohr singt als Rosita ein anrührendes „Somewhere“ inmitten der Zuschauerränge, während auf der Bühne eine eindringlich inszenierte und choreografierte Traumszene gefangen nimmt. Mit den neuen Ensemblemitgliedern Natasha Young als Maria und Julian Culemann als Tony hat das neue Team zwei Darsteller verpflichtet, die das Publikum begeistern. Ausstrahlung, Gesang, Spiel – das tragische Liebespaar sorgt für großes Gefühlskino. Und für eine Leichtigkeit ohne Pathos, für Glaubwürdigkeit jenseits aller Showeffekte – und für stehende Ovationen beim Premierenpublikum.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 5. Oktober 2015

(...) Das Theater Pforzheim zeigt, dass es nicht viel braucht, um das alte „Romeo und Julia“-Thema neu aufzurollen und den immer wieder tourenden Originalen Broadway-Fassungen oder in Opernhäusern blank polierten „West Side Story“ mit einer Wahrhaftigkeit Paroli zu bieten, die Leonard Bernstein gefallen hätte.

Vor allem hätten ihm wohl die wie von der Straße aufgelesenen Typen gefallen, die Mischung aus Schauspielern, Sängern und Tänzern, die Thomas Münstermann und Guido Markowitz mit allen ihren Unvollkommenheiten und Vorzügen zu lässig agierenden Gangs zusammenschweißten. Bei den New Yorker Proben war Bernstein begeistert von den Jugendlichen, die nie zu vor gesungen hatten: „Es war richtig die Rollen nicht mit Sängern zu besetzen. Alles was professioneller klingt, muss unweigerlich auch erfahrener, wissender klingen, und damit wäre die jugendliche Frische dahin. Das perfekte Beispiel dafür, wie aus einer Not eine Tugend werden kann“.

Eine Drahtgitterwand, die die Banden trennt, eine Skaterrampe, aufgetürmte Wrackteile, ein Steg, Käfige für die Messerstecherei zwischen Tobias Bodes ernsthaftem Riff und Jank Danailows bissigem Barnard, mehr braucht Dirk Steffen Göpfert nicht, um den Slums und ruinösen Straßenschluchten der New Yorker West Side vor 60 Jahren ein Pforzheimer Gesicht zu geben, wobei die Feuerleiter zu Marias Wohnung oben auf dem Beleuchtungssteg einen Hauch von New Yorker Hinterhof vermittelt. Ein Müllhaufen, in dem sich Robert Bestas korrupter Polizist mit zynischer Schnoddrigkeit bedient. Hausherr Thomas Münstermann sorgt für eine zwischen dem Brautmoden-Laden der puerto-ricanischen Mädchen, dem Drugstore, in dem Tony bei dem schließlich resignierenden Doc (Klaus Geber) arbeitet, und den trostlosen Straßen für eine nie erlahmende Aufführung und stößt die Zuschauer immer wieder auf die blinde Brutalität des Geschehens. Die Badische Philharmonie spielt derweil im Bühnenhintergrund, wo Markus Huber das Musical zur Chefsache erklärt und Bernsteins satztechnisch anspruchsvolle und nicht nur in den Tanzszenen enggliedrige Musik mit feiner Eleganz und einer gewissen, die Schauspieler nie überfordernden Dezenz dirigierte.

Das Plus der Aufführung sind Natasha Young und Julian Culemann als jugendlich bezauberndes Paar, das dem keuschen Liebeszauber von „Maria“ und „Tonight“ die Innigkeit und die vokale Süße von Puccinis Bohème-Liebenden verlieh. Ein starkes Team sind die Jets Mario Radosin, Timo Beyerling, Patrick Nitschke, Johannes Blattner, Jacob Gomez Ruiz und Davide Guarino, denen Guido Markowitz eine straßenköterstaksige, rotzig kraftvolle Tanzakrobatik antrainierte; wo es ihnen in „Gee, Officer Krupke!“ an sängerischer Politur fehlt, machen sie es durch darstellerische Präsenz wett. Ähnliches gilt für die Sharks und die Mädchen, die angeführt von Lilian Huynen, die unter Anitas zupackender Amerika-Gläubigkeit eine große Zerbrechlichkeit zeigt, das ironisch-witzige „I like to be in America“ feiern. „Somewhere“ gehört Danielle Rohr, die Stephen Sondheims hymnisches „There’ s a Place for Us“ vom Rang aus zu intensiver Wirkung bringt. Vieles hat man virtuoser, freilich auch glatter, erlebt, doch selten so wahrhaftig und berührend, wie in dieser Pforzheimer „West Side Story“. 

Schwarzwälder Bote

Dienstag, 6. Oktober 2015

Als erste eigenständige Inszenierung, choreografisch unterstützt von Ballettdirektor Guido Markowitz, präsentiert der neue Intendant Thomas Münstermann die »West Side Story« im Theater Pforzheim, deren Vorbild Shakespeares »Romeo and Juliet« ist und deren Konfliktstoff die Krawalle zwischen Halbstarkenbanden in New York liefern. Mit den amerikanischen Jets und dem Romeo Tony auf der einen Seite und den puertoricanischen Sharks mit der Julia Maria auf der anderen. Musikalisch steuerte Leonard Bernstein eine raffinierte Mischung aus exaltiertem Jazz bei, der bei der Broadway-Uraufführung 1957 durch Jerome Robbins in adäquate tänzerische Bewegungen umgesetzt wurde. Dazu kommen zündende Musiknummern, die bald zu Schlagern wurden, wie »I Like To Be In America« und sentimentale, fast an Schnulzen erinnernde Weisen wie Tonys sehnsüchtiges »Maria, Maria«. (...)

Die bühnentechnischen Möglichkeiten wurden voll und ganz ausgenutzt. Wohl selten sieht man, was man auf der Bühne und im Orchestergraben im Theater Pforzheim alles machen kann, wenn man die Bühnenwagen und Hubpodien entsprechend einsetzt. Vor allem sind es Gitterwände, die geschoben, gedreht und zu Käfigen geformt werden, die das Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert dominieren, der auch für die Kostüme verantwortlich ist, durch die die Jets – eher dunkel gekleidet – und die Sharks – mit Rot durchsetzt – schon rein äußerlich zu unterscheiden sind. Dazu kommen weiße, an einer Wand aufgehängte und auch schon einmal auf dem Boden verstreute Schleier und zuweilen Seitenansichten von Autos im Hintergrund und eine Theke im Vordergrund.

Abgesehen von darstellerischen und gesanglichen Leistungen Einzelner ist es vor allem die expressive Choreografie des Kollektivs von Guido Markowitz, die die Aufführung der »West Side Story« in der Inszenierung von Thomas Münstermann prägt, der mehr auf Show denn auf Sozialkritik setzt. Im Hintergrund spielt die Badische Philharmonie Pforzheim, unter der musikalischen Leitung von Markus Huber, manchmal etwas laut, gut rhytmisierend, den ruhigeren Passagen gerecht werdend, Leonard Bernsteins Komposition.

Der begabte Musical-Darsteller Julian Culemann überzeugt als Tony sowohl stimmlich als auch durch sein glaubhaftes Spiel in der Rolle des auf Versöhnung bedachten Liebenden. Natasha Young ist die zu ihm passende Maria, der die Musical-Julia schon in ihrem Erscheinungsbild geradezu auf den Leib geschnitten ist (...)

Ein die anderen schon durch seine Größe überragender und so natürlicher Anführer der Jets ist Tobias Bode als Riff. Klein, wendig, unerschrocken und nicht minder überzeugend ist Janko Danailow als Bernardo, als Anführer der Sharks. Von deren Mädchen beherrscht Lilian Huynen als rassige, in jeder Beziehung ihrer Aufgabe gerecht werdende Anita – wie schon in der letzten Pforzheimer Aufführung der »West Side Story« 2001 – die Szene. Dagegen ist die im Spiel steif-ungelenke und dazu mit wenig ausdrucksvollem Gesang aufwartende Danielle Rohr geradezu ein Fremdkörper bei den Sharks. Als gestandenen Mann im Kampf der Cliquen verkörpert Klaus Geber den Doc. Robert Besta ist der Polizeileutnant Schranck im Staubmantel, Leandro Natalicio Leandro Natalicio Fischetti der uniformierte Polizist Krupke und Thorsten Klein der bemühte Jugendklubmitarbeiter Glad Hand. 

flashing-light.de

Sonntag, 18. Oktober 2015

Seit seiner Uraufführung am 26. September 1957 ist West Side Story von den Musicalbühnen der Welt nicht mehr wegzudenken und immer wieder ein Garant für Erfolg. Nun hat sich auch das Theater Pforzheim an die Umsetzung dieses brisanten Stoffes gemacht und eine gelungene Inszenierung auf die Bühne gebracht. (...)

Damit die Szenenwechsel in den verschiedenen Locations schnell gehen und auch klar wird, was gerade wo passiert, hat man sich verschiedener Bühnenelemente bedient. So ist der vordere Teil, wo normal der Orchestergraben ist, mal Kampffläche, mal Drugstore. Der Boden verschwindet während des Stückes immer wieder nach unten und kommt mit neuen Requisiten wieder herauf. Auch die Mittelbühne wird je nach Szene immer wieder nach oben oder unten gefahren. Insgesamt wird mit einfachen aber effektvollen Mitteln immer wieder eine neue Szene geschaffen. Auch die Balkonszene mit Maria und Tony ist mit dem Treppengerüst an der Bühnenseite gut gelöst. Es sieht aus wie eine der Feuerleitern, die in den USA gang und gäbe sind. Hier hat Dirk Steffen Göpfert, der auch für die gelungenen Kostüme verantwortlich zeichnet, hervorragende Arbeit geleistet.

Julian Culemann gibt einen sehr gefühlvollen Tony. Egal ob netter Junge, mutiger Schlichter oder unsterblich Verliebter – er meistert alle Facetten dieser Rolle perfekt. Natasha Young als Maria besticht mit ihrem klaren und reinen Sopran und macht Ihre Parts zum akustischen Genuss.

Auch Jula Zangger als Anita kann in jeder ihrer Szenen mit perfekter Stimme punkten. Ihre schauspielerischen Qualitäten zeigt sie vor allem in der beklemmenden Szene, in der sie von den Jets vergewaltigt wird und anschließend aus Wut den Tod Marias verkündet.

Bei den Damen-Ensembles der Jets (Antonia Schirmeister, Giulia Cenni, Gitte Pleyer, Charloote Eikmeyer, Anastasia Shivrina, Aline Münz, Chiara Schmitt) sticht vor allem Jasaman Roushanaei als freche Anybody´s heraus. Sie will unbedingt zu den Jungs der Gang gehören, was sie irgendwann durch ihre große Klappe und viel Geschick auch schafft.

Die Damen der Sharks (Danielle Rohr, Martina De Dominics, Jennifer Göbel, Jura Wanga, Samira Brosi, Carlotta Squeri, Letizia Vella) können neben Maria und Anita mit hervorragenden Stimmen und gutem Spiel ebenso überzeugen wie die Konkurrentinnen der Jets.

Die Herren-Ensembles der Jets (Tobias Bode, Mario Radosin, Timo Beyerling, Patrick Nitschke, Johannes Blattner, Jacob Gomez Ruiz, Davide Guarino) und der Sharks (Janko Danailow, Eduardo Novelli, Alexander Mehnert, Yamil Ray, Tu Ngoc Hoang, Roger Molist Puigdoménèch, Till Dammann, Samuel Karim-Lawani) singen, spielen und tanzen sich sehr gut, problemlos und überzeugend durch das Stück. Hervorzuheben sind die tollen Tanz-und Kampfszenen (Choreografie Guido Markowitz), die perfekt auf die jeweilige Situation und das Raumangebot der Bühne abgestimmt sind.

Das Duo Officer Krupke (Leandro Natalicio Fischetti), Inspector Schrank (Cornelius Burger) und Glad Hand (Thorsten Klein) als Helfer sind durch das gesamte Stück immer wieder präsent, versuchen Ordnung in ihr Revier zu bekommen, scheitern aber regelmäßig an den Gangs.

Doc, gespielt von Markus Löchner, ist die gute Seele des Stückes. Er versucht immer wieder, die Gangs zu Vernunft zu bringen und ihnen zu vermitteln, dass Kriege und Kämpfe keine Lösung sind. Leider kommt er gegen die Sturheit, den Hass und Aggression der „Halbstarken“ nicht an und kann auch den Tod von Riff, Bernardo und Tony nicht verhindern. (...)

Die Badische Philharmonie Pforzheim spielt sich unter der Leitung von Markus Huber gelungen durch die sehr anspruchsvolle Partitur Leonard Bernsteins und macht den Abend auch musikalisch zu einem Hochgenuss.

Insgesamt verspricht die Inszenierung von Thomas Münstermann und die Dramaturgie von Thorsten Klein Unterhaltung auf hohem Niveau. Die Thematik des Stückes ist heute leider immer noch aktuell. Aus politischen oder religiösen Gründen ist weltweiter Terror und Krieg an der Tagesordnung.

musicalzentrale.de

Montag, 9. November 2015

(...) Eben diese soziale Kälte und Härte der Großstadt steht im Fokus der Neuinszenierung am Theater Pforzheim. Es ist schwer, einem vielgespielten Klassiker wie der "West Side Story" neue Facetten abzugewinnen. Darauf legt es Regisseur Thomas Münstermann auch gar nicht an. Seine Interpretation dreht sich, einfach und ehrlich, um die aufkeimende Liebe zweier Jugendlicher inmitten hasserfüllter Bandenkriege. Die Bühne von Dirk Steffen Göpert arbeitet mit ratternden Baugittern und Halfpipes, zwischen Autowracks und Sportkäfigen. Damit trifft Göpert nicht nur die Tristesse des Asphaltdschungels, seine Bühne passt sich auch exzellent in die verwinkelte Struktur des Pforzheimer Theaterbaus ein. Durch seine Hebetechnik wird der Orchestergraben zum fahrbaren Bühnenelement, während das beachtliche Orchester der Badischen Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Markus Huber halb-verdeckt im hinteren Bereich der Bühne Platz findet. Während des Stückes bleibt es präsent und macht durch seinen vollen und beschwingten Klang der Partitur Bernsteins alle Ehre, in den swingenden Passagen ("Cool") wie auch in den großen sinfonischen Kompositionen ("Tonight").

Choreograf Guido Markowitz distanziert sich deutlich von den Ballettsprüngen und Pirouetten von Jerome Robbins‘ Originalfassung. Stattdessen nutzt er Streetdance-Elemente, lässt beide Straßenbanden sich an der Halfpipe hochrangeln und über den Boden rutschen. Markowitz‘ Choreografien wirken damit nicht nur frisch und modern, sie werden auch den Möglichkeiten des Ensembles gerecht, in dem sich Chorsänger und Tänzer mischen.

In seiner Besetzungsliste baut das Theater Pforzheim auf junge und noch recht unbekannte, aber nicht weniger exzellente Darsteller. Den Tony spielte in der besuchten Vorstellung Julian Culemann (alternierende Besetzung: Johannes Strauß). Auch wenn man Culemanns Stimme zeitweise noch die Aufregung und fehlende Erfahrung anmerkt (sein "Something‘s Coming" ist etwas brüchig), so bringt er die unschuldige Stürmigkeit Tonys überzeugend auf die Bühne. Bereits im zweiten Solo "Maria" meistert er auch die schwierigen Sprünge ins Falsett. Natasha Young, als klassischer Sopran ausgebildet, spielt eine exzellente Maria mit neckischer Verspieltheit und großen Gefühlen im zweiten Akt. Vor allem ihr "I Have a Love" ist herzzerreißend schön. Culemann und Young harmonieren sehr gut und wirken zu keiner Zeit unglaubwürdig. Das gemeinsame "Tonight" ist erwartungsgemäß eines der großen Highlights des Abends.

Mit Lilian Huynen besetzt Pforzheim eine seiner Stammschauspielerinnen in der Rolle der Anita. Huynen legt ihre Rolle gesanglich überraschend tief an und erwirkt dadurch spannende Akzente im Zusammenklang mit Maria in "A Boy Like That" und Rosalia (Danielle Rohr) in "America". Etwas steif bleibt Tobias Bode als Jets-Anführer Riff.

Selbst wenn die Pforzheimer "West Side Story" dem Publikum an manchen Stellen mehr zumuten könnte – so gerät die Vergewaltigungsszene ungewollt comichaft und der Bandenkampf etwas schwach – ist das Gesamtbild doch mehr als überzeugend. Mit dieser gelungenen Inszenierung beweist das Theater Pforzheim einmal mehr, dass es in Sachen Musical eine feste Größe im Südwesten Deutschlands geworden ist.

musicals/Das Musicalmagazin

Dienstag, 1. Dezember 2015

Wann haben Sie zuletzt eine „West Side Story“ gesehen, in der die Darsteller wirklich das Alter der Jugendgangs hatten? Die ganz erstaunliche Produktion des kleinen Stadttheaters mischt Mitglieder sämtlicher Sparten des Hauses und jugendliche Amateurdarsteller derart raffiniert, dass praktisch jede Rolle nach Alter, Hautfarbe, Habitus und Körpersprache authentisch besetzt ist. Mit einem solchen Ensemble reißt das fast 60 Jahre alte Musical auch heute noch vom Sitz, zumal die Produktion ansonsten Chefsache ist: Inszeniert wurde sie von Operndirektor Thomas Münstermann, choreografiert von Ballettdirektor Guido Markowitz und dirigiert von Generalmusikdirektor Markus Huber.

Dessen über 30 Musiker starkes Orchester sorgt für eine exquisite, farbenreiche und dynamische Begleitung – wie schade, dass die sichtbare Platzierung hinter der Bühne den Klang ein wenig dämpft. Andererseits aber kann so der Orchestergraben bespielt werden und wichtige Szenen finden nah am Zuschauer statt. Dirk Steffen Göpferts karge, minimalistische Ausstattung setzt Barrikaden aus Baustellengittern ein, an denen man wütend hinaufrennen kann; eine Halfpipe, ein Berg Schrottautos oder ein paar Bierkisten deuten weitere Schauplätze an. Sämtliche Podien und Niveaus der Bühne sind in Betrieb, bespielt wird auch der Zuschauerraum.

(...) Es sieht nicht immer spektakulär aus, aber auch die wenigen beiläufigen, lässigen Schritte bestärken die Authentizität der ganzen Produktion. Die lange Traumszene nach den Morden an Riff und Bernardo, noch eine Glanztat des Orchesters, erinnert an Tonys und Marias Kennenlernen und entwirft wirklich die Vision von Frieden, die einst im Libretto stand. „There’s a place for us“ erklingt dann aus dem Auditorium vom Balkon herunter (Danielle Rohr singt entrückt und traumverloren), worauf das Ensemble an die Rampe tritt und mit resignierter Sehnsucht die Arme zu der einsamen Stimme hinaufstreckt.

(...) Natasha Young spielt Maria als lebenssprühende Latina mit dem passenden Akzent, Johannes Strauß wirkt als engelhaft blonder Tony eher zart und bewegt sich etwas linkisch, aber auch das passt; zwar versteht man nicht ganz, wo er die Wut herholt, Bernardo zu erstechen, aber seine Trauer um die vermeintlich tote Maria ist herzzerreißend. Dass beide Opernsänger sind (und bis in sämtliche Höhen entsprechend schön und locker singen), mag man kaum glauben, weil sie derart jung wirken. Abgeklärt und ein wenig klischeehaft porträtiert Lilian Huynen Anita als rassige Südamerikanerin, als besonders fieser, öliger Lieutenant Schrank klaut Robert Besta den zwei toten Gangmitgliedern erstmal ihr Geld. Grandios sind sämtliche Jets und Sharks in ihrer coolen Aufmachung, mit ihrer Angriffslust und unterdrückten Wut. Mario Radosin und seine Jets machen aus „Officer Krupke“ einen Showstopper, die Nummer ist aber auch brillant und mit viel Sarkasmus inszeniert. Es gibt Aufführungen, da ist man einfach platt, was das deutsche Stadttheater zu leisten vermag.