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Eine kleine Zauberflöte - Pressestimmen

Pforzheimer Kurier

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Die „Zauberflöte“ einmal anders. Für Kinder nämlich. Vermutlich selten sehen die „Bretter, die die Welt bedeuten“, so viele Kinder wie am gestrigen Feiertag; das große Haus war zur Premiere praktisch ausverkauft. (...) Dann wurde der Saal dunkel und die Bühne hell. Vier junge Leute im Schlafsack, von denen einer nicht schlafen konnte, ohne Gute-Nacht-Geschichte. Na, was denn erzählen? „Rapunzel“, schallte es aus dem Publikum. Bernhard Meindl, später Papageno, erzählt die Kurzfassung. Mädchen im Turm, lange Haare, keine Treppe, Haare runter, Prinz rauf, Heirat, glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind… „Zu kurz“ findet das der spätere Tamino. Noch eine also. „Rumpelstilzchen“ wird vorgeschlagen. Wieder Kurzfassung, wieder zu kurz. So wird also die Zauberflöte erzählt. Dass die „Königin der Nacht“ keine rundum nette Frau sein dürfte, wurde rasch klar: „Königin der Nacht – uuuh“ intonierten die Vier. Papageno ist ein Vogelfänger, hat Federn auf dem Kopf wie ein Indianer. Der singt dann seine erste schöne Arie. Mit Unterstützung von Philipp Haag (Klavier), Julie Olbert (Flöte) und Ion Storojenco (Violoncello). Viel Szenenapplaus gab es für atemberaubend schöne Gesangsleistungen, besonders für Tenor Marr, der neben dem Tamino auch in die Rolle der Königin der Nacht schlüpfte und die Frauenrolle in Altus-Stimmlage sang.

„Eine umwerfende Leistung“, wie Kenner der zentralen Arie befanden. Umkleidezeremonien gingen gleich auf der Bühne vor sich; ein Röckchen übergezogen, ein Blütenkranz im Haar, fertig. Wenn Tamino die entführte Pamina rettet, kann er sie heiraten. Papageno muss die ganze Zeit reden, darum bekommt er ein Klebeband auf den Mund verpasst. Das können nur Kinder wieder entfernen. Wozu dann auch Mädchen aus der ersten Reihe mehrmals gern bereit sind. Pamina (Franziska Tiedke) ist eine Gefangene, bewacht vom riesengroßen Wachhund (Dajana Drozdowski). Außerdem ist sie gefesselt.

Die Erzählerin, ebenfalls Dajana Drozdowski, hat vergessen, wie es weitergeht. Mit der Wahrheit natürlich, denn die hat noch nie geschadet. Also: Prüfungen müssen bestanden werden. Zuerst Schweigen, was Pamina zur Verzweiflung treibt, weil Tamino nicht mehr mit ihr spricht. Ihre Verzweiflung besingt sie in einer herzzerreißenden Arie, für die es ebenfalls spontanen Applaus gab. Indessen will Papageno O-Saft und endlich eine Freundin, sonst bringt er sich um, droht er. Niemand findet sich, nur, als er zur Tat schreiten will, schreit ein Kind hinten voll Mitgefühl: „Neiiin!“ Und dann findet sich doch noch Papagena (Drozdowski) für ihn. Was für ein Glück! Aber Tamino muss noch weitere Prüfungen bestehen: Über das Wasser und durch das Feuer gehen. Beides wird symbolisiert durch eine blaue und eine rote kleine Plastiktüte. Die darf halt zehn Sekunden lang nicht zu Boden fallen. Bei der blauen gelingt das, die rote fällt hinab. Totenstille. Die Wand wird blutrot. Aber da erklingt die Zauberflöte und die Tüte hebt sich in die Lüfte. Gerettet!

Und dann sitzen alle vier wieder im Schlafsack und Dennis Marr braucht eine Gute-Nacht-Geschichte. Das Stück dauert etwa 70 Minuten, ist kindgerecht aufgearbeitet vom Thema her und lädt zum Mitmachen ein. Die Verwandlung der Sängerinnen und Sänger in verschiedene Rollen vollzieht sich offen auf der Bühne; jedes Kind weiß, woran es ist. Aber die musikalischen Kernstücke sind alle enthalten und werden mit derselben Inbrunst gesungen wie für Erwachsene. Vermutlich erzieht man so junge Menschen zu Opernfans.

Pforzheimer Zeitung

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Moment mal: Stand nicht eigentlich Mozarts „Zauberflöte“ auf dem Spielplan des Pforzheimer Theaters? Diese Frage kann man sich schon stellen, wenn man nicht die normalerweise zu erwartende Ouvertüre hört, sondern sieht, wie auf einmal vier junge Menschen, zwei Frauen und zwei Männer, barfuß, in Pyjamas und mit ihren Schlafsäcken die Bühne betreten.

Eigentlich wollen die Vier sich schlafen legen, aber Dennis Marr kann noch nicht einschlafen: Er will vorher eine Geschichte hören. Kumpel Bernhard Meindl fängt an zu erzählen: Die beiden Märchen „Rapunzel“ und „Rumpelstilzchen“ sind zu kurz und zu langweilig. Etwas Spannendes muss her. Nach einigem Überlegen kommen die Vier auf Mozarts „Zauberflöte“. Drei Musiker erscheinen auf der Bühne, Franziska Tiedtke, Dajana Drozdowski und Bernhard Meindl verwandeln sich unter Zuhilfenahme ihrer Schlafsäcke in eine große Schlange, Dennis Marr wird durch eine schwarze Jacke mit goldenen Knöpfen zu Tamino. So beginnt die kindgerechte Inszenierung der „Zauberflöte“, die gestern am Pforzheimer Stadttheater ihre Premiere feierte. Kerstin Steeb hat die mehr als 200 Jahre alte Oper zusammen mit Assistentin Janne Geest ins 21. Jahrhundert geholt: Es gibt Selfie-Drucker, die Schauspieler machen Dabs und geben High Fives.

Die Handlung haben die beiden Frauen stark zusammengestrichen und geschickt auf den inhaltlichen Kern des Librettos reduziert. (...) Die vier Schauspieler agieren überzeugend und übernehmen auf der äußerst schlicht gehaltenen Bühne mehrere Rollen gleichzeitig. Tiedtke etwa ist zugleich Pamina und Königin der Nacht, Marr mimt nicht nur den Tamino brillant, sondern gibt auch noch Monostatos. Dass Aufklärung und Freimaurerei außen vor bleiben, nimmt der Oper ihren ernsten Charakter. Auf der Bühne und im Zuschauerraum geht es lustig zu. Die Dialoge sind authentisch und unverkrampft, die Gags zünden. Besonders Meindl bringt die Zuschauer in der Rolle des redseligen und hasenfüßigen Papagenos immer wieder zum Lachen.

(...) Alle wichtigen Arien sind zu hören, ein Orchester indes nicht. Für Musik sorgen Philipp Haag (Klavier), Julie Olbert (Flöte) und Doreen da Silva (Cello). Als die vier Schauspieler am Ende wieder in ihre Schlafsäcke kriechen, bricht tosender Beifall des Premierenpublikums los. Steeb hat mit ihrer minimalistischen Inszenierung augenzwinkernd bewiesen, dass Mozart auch modern sein kann. Zwar schießt sie dabei in Sachen Komik stellenweise etwas über das Ziel hinaus, aber sei’s drum: Hauptsache, die Kinder haben ihren Spaß.