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"Perfekt Unperfekt" - Pressestimmen

Badische Neueste Nachrichten

Dienstag, 13. November 2018

(...) Zweifelsohne ist die 19-jährige durch eine bakterielle Erkrankung querschnittsgelähmte Gasttänzerin in der Produktion nicht nur wegen ihrer Willenskraft und tänzerischen Ausdrucksstärke im wahrsten Wortsinn ein Hingucker; sie steht in den Szenen des Ballettabends „Perfekt unperfekt“ auch deshalb im Zentrum, weil sie in den Tanzszenen vom Pforzheimer Ensemble getragen, gestützt, geleitet wird und mit diesem in fließenden Bewegungen zu einer Einheit wird. „Tanz ist der Ausdruck des Körpers. Man braucht nicht immer die Beine dazu“, hat die Tänzerin noch wenige Tage vor der Uraufführung im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten gesagt. Wie wahr.

Aber es würde natürlich viel zu kurz greifen, wollte man den Ballettabend, an dem eine Symbiose aus Tanz, Schmuck(museum) und (Manfred-Lehmbruck-)Architektur eingegangen wird, allein auf den Ausstieg der ehrgeizigen Tänzerin aus dem Rollstuhl begrenzen, wenn das Thema „Unperfekt“, wenn man eine Behinderung denn so nennen wollte, auch der rote Faden ist: „Perfekte“ (will heißen: gesunde) Tänzer greifen rollentauschend zu den Krücken, die im wilden Ausdruckstanz im Untergeschoss zu schwirrenden Schlegeln werden. Echte Arme sind von künstlichen kaum noch zu unterscheiden; die Arme von Schaufensterpuppen werden zu grazilen Tanzgliedern. Doch es ist mehr. Wesentlich mehr. Nicht nur, dass das begeisterungsfähige Ensemble von Ballettchef Guido Markowitz und Stellvertreter Damian Gmür den gewohnten Theaterraum verlässt und an einen so kaum bespielten Ort auftritt. Die Produktion zeugt nicht zuletzt von einer gehörigen Portion Mut.

Und mittendrin der Zuschauer, der selbst zum Ensemblemitglied wird. Dafür muss er gar nicht tanzen, aber sich mit dem Ensemble mitbewegen, quasi sich in den Schlepptau desselben begebend – mitgetragen vom Geräusch verfremdeter, an- und abschwellender Wellen. Und sich auf einmal selbst in seiner ganzen Perfektion oder Unperfektion spiegelnd in Flächen, die die durch die Menge gehenden Tänzer zu Beginn des Abends tragen. (...)

Wie ferne Granateinschläge aus einem Schützengraben klingt es dann im Saal. Die Tänzer liegen wie leblos in stabiler Seitenlage. Nicht lange: Die Körper der Tänzer winden und strecken sich, zucken scheinbar unkontrolliert, zappeln, dehnen, beugen sich dann auch in einem anderen Raum zwischen dem unvergänglichen Glanz der bewegungslosen
Schmuckstücke in den Vitrinen. Die Arme werden zu Uhrpendeln, der Kopf zur „Unruh“ im Uhrwerk. Sie scheinen die berühmten Wände des Reuchlinhauses zu schieben, dann
wieder klumpen sie sich wie Hornissen zu einem Nest an der Innenfassade, werden (für kurze Zeit) zu bewegungslosen Steinen an der Kieselwand. (...) Die stärkste Szene kommt zum Schluss wieder im Saal des Schmuckmuseums: Sophie Hauenherm reißt mit wütenden Bewegungen zum Gesang „in heaven everything is fine“ die  Klettverschlüsse ihrer Beinkorsagen ab und geht. Allein. Quer durch den Saal. In einer Umarmung eines Tänzers versinkend. Stille und dann: nicht enden wollender Applaus.

Pforzheimer Zeitung

Dienstag, 13. November 2018

(...) Einzeltänzer mit verdrehten Leibern, manchmal wie Klammeräffchen ineinander verhakte, auch zu Knäueln zusammengedrückte Menschen präsentieren gemeinschaftsbildende Rituale, kreieren Gleichnisse fürs Leben: Männer und Frauen suchen ihren Platz in der Gruppe, begehren auf und brechen aus, finden Partner und fügen sich wieder ein. Vor allem aber: Die zu einer Geräusch- und Musikcollage (von Fabian Schulz) tanzenden Protagonisten integrieren die in ihrem Bewegungsdrang behinderte Tänzerin Sophie Hauenherm und machen sie zum Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft.

Das von der Lehmbruck-Architektur inspirierte Ballett – die Akteure tanzen in verschiedenen Räumlichkeiten des Reuchlinhauses – beeindruckt mit innovativem Format. Ein Vorspiel im oberen Foyer bespiegelt die Besucher mit ihrem Porträt und zeigt teils hässliche Menschentorso-Fotografien. Anschließend geht es treppab und treppauf zu den einzelnen Tanzstationen.

Die faszinierten Zuschauer wandeln mit, schauen und staunen. Da schmiegen sich vereinzelte Tänzer, Paare und Gruppen die Wände entlang, zelebrieren in langen weißen Gewändern, die breite Treppe zwischen unterem und oberem Foyer hinauf schreitend, eine priesterliche Prozession und rutschen wie muntere Kinder die Treppengeländer herab. Flüchtende halten in Selfies die Willkommenskultur fest. Vor dem Eingang zur historischen Sammlung zeigen die Tänzer ihre bewegten Körper wie Fundstücke aus allen Epochen des Schmucks bunt und facettenreich kostümiert: Da ist eine an Bauch und Brüsten aufgeblähte Venus von Willendorf zu sehen, ein glänzendes Tigerauge, eine gestreifte Käfer-Brosche (im eng anliegenden Ganzkörper-Trikot) und eine puppenhaft-mechanisch stolpernde, goldene Rokoko-Kaminuhr mit einem Schlüssel zum Aufziehen im Rücken (Kostümbild Katharina Andes).

Im Schmuck-Kabinett selbst lassen sich die Tänzer vor und neben den Auslagevitrinen zu allerhand konfrontativen Aktionen hinreißen, beugen und pressen sich auf die Glasscheiben, gleiten aus, zappeln und tändeln ringförmig vor Begeisterung.(...)

Nachdenklich machende Momente des Tanzspektakels kulminieren zu Höhepunkten im Vortragsraum des Museums, der zu einem Ballett-Übungssaal hergerichtet ist. Hier fesselt und beeindruckt die gehbehinderte Ballerina Sophie Hauenherm aus Dresden, von ihrem Partner Dario Wilmington intensiv-einfühlsam gestützt und begleitet. Die sich spannungsgeladen mit und ohne Krücken bewegende, an den Beinen bandagierte Solistin muss einen unbändigen Willen besitzen, aber auch große Freude am Tanz, die sich auf alle Zuschauer unmittelbar überträgt. Mittänzer verdoppeln oder verdreifachen ihre kunstvollen Gebärden, ihre mühevollen Drehungen und angespannten Schrittfolgen. (...)