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Heroes - Pressetimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 8. Februar 2016

(...) Choreograf Markowitz jagt seine elfköpfige, spürbar hoch engagierte Compagnie im einstündigen ersten Teil der Aufführung durch krasse Wechselbäder von Musik und Tanz. Sein Bilderbogen, aus dem Lautsprecher begleitet von Original-Aufnahmen, folgt in vagen Stationen einem biografischen Muster und zitiert dabei nachhaltige Wegmarken. Von Bowies Entwicklung vom Rock ’n’ Roll, wie er ihn in den 1960er-Jahren etwa durch „Tutti Frutti“ von Little Richard kennen- und leben lernte, über Stücke, in denen er Einflüsse von Rhythm and Blues, Soul, Hip-Hop und Jazz aufnahm, bis hin zu seinem letzten Album „Blackstar“, das unmittelbar vor seinem Tod erschien und aus dem der Pforzheimer Abend den programmatischen Titel „Lazarus“ aufnimmt. „Look up here, I’m in heaven“ (Schau nach oben, ich bin im Himmel).

Im Zentrum dieser Reihe stehen David Bowie selbst, der von Johannes Blattner mit großer Intensität verkörpert wird, und sein dämonischer Schatten (Tu Ngoc Hoang), und mit ihnen treten Weggefährten wie Iggy Pop (Edoardo Novelli) oder Bowies erste Frau Angela (Jura Wanga) ebenso auf wie seine wechselnden, scharf konturierten Alter Egos, unter denen die exorbitante Martina De Dominicis als grelle Ziggy Stardust durch verzehrende Tanzwut und eine faszinierende Präsenz herausragt. In Stücken wie „Under Pressure“, „Be My Wife“, „Hello Spaceboy“ oder „China Girl“ blättert das Programm ein schillerndes Panorama von Stimmungen und Reizen auf, denen das Ensemble zusätzliche optische Kraft verleiht. Anders dagegen die Choreografie des zweiten Teils: „The Lovers“ zur vierten Sinfonie „Heroes“ von Philip Glass. Das Stück ist wiederum von Bowies berühmtem Berliner Titel von 1977 souffliert, der die zärtliche Begegnung eines Liebespaares im Schatten der Mauer schildert – ein Motiv, in dem sich der Kontrast von Gefühl und Macht abbildet, und ein Thema, das über den konkreten Anlass an der Mauer hinausweist auf die Frage, wie Liebe Bestand haben könne in einer Welt von Kälte, Gewalt und Lebensfeindlichkeit.

Vor einer von Stacheldraht gekrönten Mauer (Ausstattung Philipp Contag-Lada), die durch Projektionen immer neue Bilder von Bedrückung entwirft, zeigen wechselnde Liebespaare im Gegenspiel mit anonymen Kollektiven ihren verzweifelten Kampf um Glück und Erfüllung.

Da entstehen, unterstützt durch die bedrohlichen Farben eindringlicher Musik, Momente einer düsteren Bedrückung, in denen sensible Empfindungen von Liebe und Nähe immer wieder zerstört werden durch das maschinenhafte Einwirken mitleidloser Mächte. Anders als im ersten Teil „Heroes“, in dem einzelne Tänzerpersönlichkeiten Raum zur individuellen Entfaltung erhalten, bestimmt hier das weitgehend geschlossene Ensemble den Charakter des Stückes.

Dabei zeigt sich die kleine Pforzheimer Truppe, vom Choreografen mit gutem Sinn für dramatische Spannung und szenische Effekte geführt, in glänzender Verfassung: technisch souverän, mit konzentrierter Präzision und einer famosen Gesamtleistung. Nicht zuletzt auch durch den Dirigenten Mino Marani, der die vorzüglich aufgelegte Badische Philharmonie zu einer mitreißenden Umsetzung der heiklen Glass-Partitur führt, erreicht dieser doppelte Bowie-Abend ein bemerkenswertes Niveau, das beim Premierenpublikum anhaltenden Beifall erntete.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 8. Februar 2016

(...) „Heroes“ ist auch der Titel eines Balletts von Guido Markowitz zu Musik von David Bowie und Philip Glass, das jetzt im Theater Pforzheim seine mit großem Zuspruch aufgenommene Uraufführung erfuhr. Markowitz Choreografie ist musikalisch und thematisch zweigeteilt – vielleicht eine Anspielung auf die vielen Facetten in Leben und Werk eines Menschen, der sich stets wandelte und selbst der Auffassung war, dass es so etwas wie eine Reise, eine Entwicklung nicht gibt und er alles zu gleicher Zeit ist. Der erste Teil des Balletts verfolgt das Leben Bowies in Berlin, ist historisch berichtendes Tanztheater. Seiner Hauptfigur stellt der Choreograf Jura Wanga als Angela Bowie zur Seite. Sie wird zusammen mit Martina De Dominicis als Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust die einzige Figur bleiben, die in auffallend bunten Kleidern auftritt, allen anderen sind Schwarz-Weiß-Kombinationen vorbehalten. Reich an Metaphern, verschränken sich Bühnenbild, Bewegung und Musik, selbst für den dunklen Teil von Bowies Seele findet Markowitz eine Figur: den „Schatten“, hinreißend getanzt von Tu Ngoc Hoang. In rasanten Paarungen und wirkmächtigen Bildern wird Bowies Berliner Zeit dargestellt. Durch den Kunstgriff, die Titelfigur mit Alter Egos zu versehen, wird das kaleidoskopische Wesen Bowies sichtbar. Gesten der Verführung und der Verweigerung nehmen im ersten Teil großen Raum ein und wirken wie die Exposition des Themas „Liebe“, das den zweiten Teil, der mit „The Lovers“ überschrieben ist, bestimmt.

Die Musik Bowies ist nun nicht mehr in Originalaufnahmen präsent, sondern bildet das thematische Material zur 4. Symphonie von Philip Glass, die, von der Badischen Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Mino Marani gespielt, aus dem Orchestergraben klingt. Elf Tänzerinnen und Tänzer loten in wechselnden Paarverbindungen die Liebe aus, während sich eine gewaltige Mauer im Hintergrund der Bühne vom brüchigen Ziegelwerk zur High-Tec-Wand wandelt und am Schluss doch durchlässig wird. Die Liebe überwindet alles, so sagt man. Schön ist es da, dass Markowitz, um der allzu platten Sprichwörtlichkeit zu entkommen, sein sich an Stahlrohren festhaltendes Ensemble am Schluss in die Höhe ziehen lässt, nur um sie doch abstürzen zu lassen. Das Leben ist halt doch gemein.

Die deutsche Bühne online

Montag, 8. Februar 2016

(...) Im ersten Durchgang der zweiteiligen Choreographie sind – ausgehend von Bowies gesundheitlichem Zusammenbruch im Jahr 2004 – in zeitlich rückwärtiger Abfolge die exzentrischen Lebensexperimente des Crossover-Musikers zu entsprechenden Musik-Titeln assoziativ in markant bebildernde Bewegungs-Szenarien umgesetzt, wobei Bowie (als zart zerbrechlicher Künstler von Johannes Blattner getanzt) von seinem brutal und blutig agierenden „Schatten“ (mit tänzerischer Hochspannung Tu Ngoc Hoang) begleitet wird. Die Ausgestaltung des von Markowitz noch eingefügten „Lazarus“-Songs aus Bowies Vermächtnis-Album „Blackstars“ erinnert (vorausahnend?) fatal an das letzte, todessüchtige Video, in dem der Überkünstler („I'm in heaven“) nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Kabinettstücke modernen Tanzes sind die wild ausschweifenden Szenen mit Bowies Exfrau Angela (Jura Wanga), die gleichsam aus ihren Yellowpress-Memoiren „Backstage Passes“ zitiert und auch von narzisstischen Selbstzweifel-Attacken ihres Mannes berichtet. Solistisch hinreißend tanzt Daniel Lenz, der im schwarzen Anzug als androgyn schlanker Bowie-“Jüngling“ zu „Tutti Frutti“ (von Little Richard) eckig-geschmeidig einen Wackelschieber abrockt. Zu „China Girl“ hängt Giulia Cenni als Bowie-Gespielin an zwei vom Bühnenhimmel herabfallenden roten Schals und zeigt eine akrobatisch verführerische Bewegungs-Show. Nicht zuletzt sind Kunstfigur „Ziggy Stardust“ (Martina De Dominicis) und „Iggy Pop“ (Edoardo Novelli) fürs gesunde Kranksein auf Bowies Lebensparty zu Gast.

Der zweite, „The Lovers“ überschriebene Teil der Markowitz-Inszenierung ist Bowies Berliner Jahren in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts gewidmet, die er zusammen mit Musiker-Freund Brian Eno verbrachte und in denen seine „Heroes“-Trilogie entstanden ist. Als Musik verwendet die Choreographie sinnfälliger Weise die von der Badischen Philharmonie Pforzheim unter Kapellmeister Mino Marani sorgfältig interpretierte Symphony No.4 „Heroes“ von Philipp Glass, dem Meister der Minimal music. (...) Dazu tanzen im Schatten der kulissenhaft auf der Bühne angedeuteten Berliner Mauer (Ausstattung Philipp Contag-Lada) mindestens ebenso schön „die Helden“ – Liebespaare, die sich auch angesichts des trennenden Monster-Bauwerks nicht von ihrer Sehnsucht abhalten lassen. Ihre Tänze sind mal verspielt kindlich, mal von problematischen Beziehungsmomenten bestimmt. Stets aber intensiv sinnlich und körperbetont, ohne anzügliche Bilder entstehen zu lassen.

Umrahmt werden die vielgestaltigen Pas de deux' von Ensembles, Tänzern, die in dunkelroten langen Kleidern an schwankenden Querstangen hängen, die ihrerseits von Stahlseilen gehalten werden. Zum furiosen Sinfonie-Finale werden die Akteure hochgezogen und fallen schlussendlich auf die Bühnenbretter herab. In Pforzheim gibt es also ein neues Ballett, das züngelt, glüht und funkelt. Mehr davon!

Leonberger Kreiszeitung

Samstag, 13. Februar 2016

(...) Der erste Teil des Ballettabends bebildert Stationen im Leben David Bowies unter Einbezug der Originalsongs: Von Little Richards „Tutti Frutti“ (Bowie war begeistert von ihm) bis zum Vermächtnis an seine Fans „Lazarus“ aus dem letzten Album „Black Star“, von „Ziggi Stardust“ bis „Heroes“ aus dem gleichnamigen Album von 1977, einem Bekenntnis zur Liebe im Angesicht der Berliner Mauer. (...)

Guido Markowitz war bereits in den 70er-Jahren von ihm fasziniert und ließ sich zu diesem Ballettabend inspirieren, bei dem sich die Tänzer im ersten Teil, wie er meint, „so richtig austoben“ können. Aber da prägen doch seine ureigene Choreografie und die Inszenierung mit vielen Assoziationen die Tanzszene. Nicht nur Bowie selbst tritt auf ( getanzt von Daniel Lenz und Johannes Blattner) im Leben mit Höhen und Tiefen, sondern auch „Alter Egos“ werden imaginiert (getanzt von Carlotta Squeri, Davide Guarino und Jacob Gómez Ruiz). Die Ehefrau (Jura Wanga) und die Geliebten (Giulia Cenni, Anastasia Shivrina, Roger Molist-Puigdoménech) und Iggy Popp (Edoardo Novelli) als Wegbegleiter des Stars sind Rollenvorgaben für die Tänzer. Aber auch ein bedrohlich dunkler Schatten ( Tu Ngoc Hoang). Das „China Girl“ wird in einer atemberaubenden akrobatischen Nummer lebendig, und auch „Ziggy Stardust“ (Martina De Dominicis) in einer Extrarolle. Die besten Songs des Superstars bringt das glänzend aufgestellte Ensemble zu Gehör.

Im zweiten Teil des Abends entfaltet sich ein Kaleidoskop an Begegnungen fiktiver Liebespaare vor einer mit Stacheldraht überhöhten Mauer ( Bühne, Projektionen und Kostüme von Philipp Contag-Lada). (...) Inspiriert von diesem Album komponierte Philip Glass 1996 seine Symphony Nr. 4 „Heroes“, die, obwohl der „Minimal Music“ zugehörig, mit ihrem Mut zur großen Geste und dem Breitwand-Sound dem Ballettabend großen Glanz verlieh. Die Badische Philharmonie unter Mino Marani präsentierte diese melodische Musik vom betörend-lyrischem Pianissimo der Streicher und Holzbläser bis zum bedrohlichen Sound der Blechbläser in feinen Abstufungen und mit großer Konzentration.

In diesem Teil des Abends, den „Lovers“, verdichtet sich die Choreografie zu einer expressiven und dynamischen Erzählung, bei der alle Gefühle ausgetanzt werden. Horizontale, vertikale und diagonale Bewegungen, Verschlingungen und Schleifungen, die sich in ihrer Zuordnung körperlich oder im Raum ausdrücken. Anziehung und Abstoßung sowie Hochgeschwindigkeit und Innehalten in ihrer jeweiligen Spannung erzeugen Gefühlswerte von warm und kalt und erzeugen parallel zur Musik eine faszinierende Dramatik.

In den variantenreichen Pas de Deux scheinen die Liebespole wie aufgelöst und im Gegensatz zum klassischen Ballett wirken die Geschlechterrollen wie bei Bowie austauschbar. Liebende angesichts der Mauer und ein zeitgenössischer Tanz, der die Pole zwischen Individuum und restriktiver Gesellschaft reflektiert. „And the guns shot above our heads/ And we kissed, as though nothing could fall“, sang David Bowie und „Oh we can beat them . . . / Then we could be heroes, just for one day.“ Mit dieser Utopie einer Liebe ohne Grenzen endet ein Ballettabend, der das Publikum auch weiterhin begeistern wird.